Allgäu September 2017

Kurz vor dem Saisonende zieht es mich noch einmal in die Berge. Wohin? Die Anfahrt soll nicht so lange und die Berghütten noch geöffnet sein. Das Allgäu drängt sich direkt auf. Knapp 400 km sind zu fahren und die Hütten haben bis Anfang Oktober geöffnet.

Anfang August auf dem Weg zur Enzianhütte zweigt bei Einödsbach der Weg zum Waltenberger Haus ab. War da nicht etwas? Ja, vor einigen Jahren wurde entschieden das Waltenberger Haus nicht zu sanieren, sondern durch einen Neubau zu ersetzen. Im Juni dieses Jahres war es dann so weit, das neue Waltenberger Haus steht wieder zur Verfügung.

Parken rund um Oberstdorf ist ein Problem. Parkplätze gibt es genügend, aber diese sind alle kostenpflichtig und beim Lösen des Parkscheins muss man schon im Voraus wissen, wie lange man unterwegs ist. Ich habe eine knappe Woche Zeit, mache aber die Länge der Tour vom Wetter abhängig. Soll ich jetzt sicherheitshalber für sieben Tage ein Parkticket lösen? Immerhin kostet der Tag zwischen 4 und 5 Euro. Sollte ich nach zwei Tagen wieder absteigen wäre das reine Geldverschwendung. Im Stillachtal gibt es ein paar wenige Möglichkeiten am Straßenrand zu parken, ohne dass Parkverbotsschilder dies einschränken. Das verlängert den Weg zur ersten Hütte, gibt mir aber die gewünschte Flexibilität für die Länge der Tour.

Vorbei an Birgsau wandere ich nach Einödsbach und freue mich schon auf eine heiße Suppe und ein erfrischendes Getränk. Leider hat der Berggasthof heute Ruhetag (Dienstag und Mittwoch). Gut, darüber hätte ich mich vorab informieren können. Dank Internet eigentlich kein Problem. Also gleich den 3,5 stündigen Anstieg zum Waltenberger Haus in Angriff nehmen. Die Temperatur ist angenehm zum Wandern und ich erreiche das Waltenberger Haus nach gut zweieinviertel Stunden.




so sah das Waltenberger Haus vor dem Neubau aus (Bild von 2011)

In den letzten Jahren wurden einige über 100 Jahre alte Hütten durch zweckmäßige Neubauten ersetzt. Die Meinungen gehen - wie nicht anders zu erwarten - extrem auseinander. Es gibt kein richtig oder falsch, sondern immer nur eine persönliche Sichtweise. Das Waltenberger Haus ist nach meinem Geschmack eine gelungene Neubauvariante. Für alle Übernachtungsgäste (von Notlagern einmal abgesehen) steht im einzigen Gastraum ein Sitzplatz zur Verfügung. Sonnenkollektoren liefern Warmwasser für die Dusche (Münze 3 Euro für 2 Minuten, Unterbrechung möglich). Bei Schlechtwetter bleibt die Dusche kalt. Auch zu diesem Thema wird immer wieder sehr kontrovers diskutiert. Braucht es auf einer Berghütte eine Warmwasser Dusche? Früher, so wird gerne argumentiert, gab es auch kein Warmwasser und keiner hat sich beschwert. Ich nutze die heiße Dusche gerne, wenn ich verschwitzt nach einer langen Tour auf der Hütte ankomme, fühle mich aber auf Hütten ohne diesen Luxus genauso wohl und wasche mich dann mit eiskaltem Wasser.


Mein Zimmer im Raum Wildegundkopf mit zwei Betten. Auf die früher üblichen Stockbetten Variante hat man hier verzichtet.
Dafür gibt es über der Türe noch zwei Lager in luftiger Höhe.


Für Alpenvereinsmitglieder kostet das Bett 18 Euro. Das Speisenangebot unterscheidet sich durchaus von anderen Hütten. Es gibt Nepali Dhaal (Linsengericht auf nepalesische Art mit Reis) und pikantes Chili con Carne mit Brot. Der Neuschnee der vergangenen Woche und der damit ausgegebenen Warnung auf Bergtouren in Höhen zu verzichten hat viele Wanderer abgehalten nochmals loszuziehen. An diesem Abend verbringen nur 11 Gäste die Nacht auf der Hütte.

Das Waltenberger Haus liegt ca. eine Gehstunde und 420 Höhenmeter unterhalb des bekannten Heilbronner Weges. Wie soll es am nächsten Morgen weitergehen? Richtung Rappenseehütte oder Kemptner Hütte? Da ich erst Anfang August auf der Rappenseehütte war, entscheide ich mich für die Kemptner Hütte, zumal die Mädelegabel - ein 2.645 Meter hoher Gipfel - am Weg liegt. Zuerst steht der Anstieg zur Bockkarscharte auf 2.504 Metern an. In der oberen Hälfte ist der Neuschnee der letzten Woche noch nicht weggetaut und erfordert trittsicheres Gehen. Seilversicherungen in den Felsen erleichtern den Aufstieg auf den letzten Metern.


Kurz unterhalb der Bockkarscharte! Rechts oben der Bockkarkopf


Blick von der Bockkarscharte nach Nordwesten. Roter Strich: die markante Felsformation Hoher Ifen 2.230 Meter. Die Bergkette davor: links die Schafalpenköpfe (darüber führt der Mindelheimer Klettersteig) und rechts Kanzelwand und Fellhorn. Im roten Kreis das Waltenberger Haus 2.084m


Bei meiner ersten Begehung im Jahr 1985 lag wesentlich mehr Schnee in der Bockkarscharte!

Die Sonne der letzten Tage hat auf der südöstlichen Seite des Weges den Schnee schon großteils aufgeleckt. Es gibt aber immer wieder Passagen mit Schnee, der teilweise in den Morgenstunden noch vereist ist. Bei jedem Tritt muss man darauf gefasst sein weiter in den Schnee einzubrechen. Konzentriertes Gehen ist ein Muss.


Blick von der Bockkarscharte: links Hohes Licht 2.651m und rechts Bockkarkopf 2.609m

Bereits nach wenigen Minuten zeigt sich die Mädelegabel in ihrer vollen Schönheit. Die Mädelegabel ist in einfacher Kletterei (UIAA 1) zu besteigen. Seilversicherungen gibt es keine. Den Einstieg erreiche ich über die steile, schneebedeckte Flanke direkt unterhalb der roten Markierung:



Noch vor dem Aufstieg zur Mädelegabel ein Blick zurück. Wer auch immer die erste Spur im Neuschnee gezogen hat, lag damit falsch. Von früheren Begehungen weiß ich, dass der Weg eigentlich in der gepunkteten Variante verläuft. Ich habe aber keine Lust neu zu spuren ...



Den Gipfel habe ich heute für mich alleine (von den allgegenwärtigen Bergdohlen einmal abgesehen, die sich unaufgefordert auf Fotos schleichen).




Die Trettachspitze (2.595m, reiner Kletterberg) sieht von oben gesehen nicht sehr spektakulär aus. Im Hintergrund der Grünten bei Sonthofen


links Mädelegabel, rechts Trettachspitze

Die Kemptner Hütte erreiche ich bereits um 12 Uhr.



Auf der Terrasse lasse ich mir eine heiße Suppe und ein Radler schmecken. Die Sonne lässt sich kurz blicken macht sich dann aber wieder hinter einer großen Wolke rar. Es wird merklich kühler im Freien und ich verziehe mich nach innen. Heute entscheide ich mich für einen Schlafplatz im Matratzenlager direkt unter dem Dach. 36 Personen haben darin Platz. Glücklicherweise stelle ich später fest, dass die 36 Schlafplätze nur von neun Personen belegt sind. Ich habe eine Sechsermatratze für mich alleine.

Den Abend verbringe ich in Gesellschaft von einem aus Offenbach stammenden Mann, der ebenfalls alleine unterwegs ist. Später spricht mich ein junger Mann an, der meinem Eintrag im Hüttenbuch entnommen hat, dass ich in Johannesberg wohne. Er wohnt seit einem Jahr ebenfalls im selben Ortsteil. Klein ist die Welt ...

Das Ziel für den nächsten Tag ist eigentlich klar:



Für mich ist das Neuland. Ich kenne weder den Weg zum Prinz-Luitpold-Haus noch habe ich die Hütte schon einmal besucht. Aber neun Stunden sind lang und Einkehrmöglichkeiten gibt es keine auf dem Weg. Frühstück gibt es erst um 7 Uhr, aber es bleibt genug Zeit für den langen Weg - und die angegebenen Zeiten habe ich eigentlich noch nie gebraucht.


Blick vom Fürschießersattel zur Kemptner Hütte (roter Kreis), die Felsen über der Hütte: Kratzer, rechts hinten Mädelegabel und Trettachspitze

Nach dem Fürschießersattel muss nach einem kurzen, seilgesicherten Abstieg der schneebedeckte Hang gequert werden. Auch hier ist wieder höchste Aufmerksamkeit gefordert.



Der Weiterweg verläuft über längere Zeit direkt am Kamm entlang, zuerst zum Kreuzeck 2.367m und anschließend zum Rauheck 2.384m. Auf dem Kamm die angenehme Überraschung: ein großes Rudel Steinböcke blockiert den Weg und beäugt mich sehr aufmerksam. Sie lassen mir genügend Zeit ein paar Fotos zu machen. Ich ärgere mich wieder einmal die Digitalkamera nicht eingepackt zu haben, aber die Steinböcke lassen mich so nah ran, dass mir selbst mit dem Smartphone ohne Telefunktion ein paar Aufnahmen gelingen.



Am Rauheck fängt es an zu regnen. Warum kann sich das Wetter nicht an den Wetterbericht halten? Was soll's. Rucksackhülle über den Rucksack und weiter geht es mit dem Regenschirm. Glücklicherweise ist es nur ein leichter Regen, der bald wieder aufhört. Es sollte aber nicht der letzte Schauer bleiben.

Vom Rauheck steige ich zum Eissee auf 2.029m ab. Die Höfats, ein markanter Berg mit sehr steilen Grashängen, die leider immer wieder zu tödlichen Abstürzen führen, wird mich die nächsten Stunden begleiten. An der privaten, nicht bewirtschafteten Wildenfeldhütte auf 1.692m lege ich eine kurze Pause ein. Ich mache mir auch Gedanken über den Weiterweg am nächsten Tag. Die Wetteraussichten sind nicht gerade die besten und wenn ich vom Prinz-Luitpold-Haus absteige, lande ich im "falschen" Tal. Ich ändere spontan mein Etappenziel und peile das Edmund-Probst-Haus am Nebelhorn an - auch wenn dies mindestens noch eine Stunde Gehzeit mehr bedeutet!

Am Himmelecksattel teilt sich der Weg. Ich folge jetzt der blauen Markierung zum Laufbacher Eck auf 2.178 Metern. Am Laufbacher Eck (es regnet mal wieder) ist das heutige Ziel schon in Sichtweite, aber doch noch weit entfernt. Bei guten Bedingungen muss der Laufbacher Eck-Weg ein echter Genuss sein. So aber haben die Schneefälle der letzten Woche und der Regen den Weg in einen klitschigen, schlammigen Pfad verwandelt und ich habe häufig das Gefühl auf Schmierseife zu tanzen. Das Profil der Bergschuhe hat sich komplett zugesetzt und an viele Stellen ist es eher ein Rutschen als ein Laufen. Hinzukommen einige, drahtseilgesicherte Passagen, die mit äußerster Vorsicht zu begehen sind. Um kurz vor 16 Uhr ist es geschafft. Knapp 8 Stunden reine Gehzeit war ich heute unterwegs und ich spüre die Tour in meinen Beinen.

Wenn ich alleine in den Bergen unterwegs bin, reserviere ich in den Berghütten keinen Schlafplatz. Ich möchte mir einfach die Flexibilität erhalten - so wie heute - kurzfristig meine Tourenplanung zu ändern. Viele Hütten in den Allgäuer Alpen haben sich inzwischen dem Reservierungsportal Hütten-Holiday angeschlossen. Bei der Vorbereitung zu dieser Tour waren fast alle Hütten von Samstag auf Sonntag ausgebucht (Restplätze im Prinz-Luitpold-Haus und der Rappenseehütte), alle anderen Tage waren "grün". Und jetzt die Überraschung im Ernst-Probst-Haus: es gibt nur noch Notlager. Ich sehe das nicht als Problem, zumal mir gleich angeboten wird, die Dusche im ersten Stock zu nutzen, die mit 1 Euro Münzen gefüttert wird (für je 1 Minute). Nach zwei Gläsern Johann-Schorle und einer heißen Leberknödelsuppe genieße ich das heiße Wasser auf der Haut. Frisch kultiviert lasse ich mir im Gastraum ein Bier munden. Die Anstrengungen des Tages sind verflogen.

Weitere Wanderer gesellen sich zu mir an den Tisch. Zufälligerweise haben alle dasselbe Notlager Schicksal. Wir verbringen einen sehr netten, unterhaltsamen Abend. Kurz vor 22 Uhr werden wir gebeten den Gastraum zu räumen und uns in das Schlafquartier zu begeben. Aber da war doch noch etwas? Stimmt, wir haben ja noch keinen Schlafplatz. Das Hüttenpersonal hatte dies irgendwie verdrängt. Nicht alle reservierten Schlafplätze sind belegt worden und uns wird ein leeres (!!!) Lager mit 12 Schlafplätzen zur Verfügung gestellt, das wir mit fünf Personen in Beschlag nehmen.

Eigentlich müsste ich nach dem langen Tag sehr müde sein. Ich bin aber hellwach und kann nicht einschlafen. Das letzte Mal schaue ich um 00:15 Uhr auf die Uhr bevor ich dann doch in einen unruhigen Schlaf verfalle. Frühstück gibt es erst ab 7:30 Uhr. Trotzdem macht sich um 6:30 Uhr der Wecker bemerkbar. Kein Problem. Damit habe ich den Waschraum für mich alleine. Das Frühstücksbüffet (9,50 Euro) ist reichlich und die Notlager Fraktion sitzt wieder zusammen. Laut Wetterbericht soll es ab 13 Uhr regnen. Das ist mir für den Hindelanger Klettersteig zu bedenklich, zumal ich keinen Klettergurt dabei habe. Ich steige daher nur noch über den Grat auf den Gipfel des Nebelhorns, genieße in der kühlen Morgenluft die Aussicht in die Allgäuer Alpen und nehme die Seilbahn (26 Euro) nach Oberstdorf. Mit dem Bus (2,80 Euro) fahre ich zur Fellhornbahn und laufe zu meinem inzwischen mit reichlich Herbstlaub versehenen Auto. Die Tour lasse ich in der Therme in Bad Wörishofen ausklingen bevor ich nach 20 Uhr wieder die Heimreise antrete.


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